Zack-Zack und Fehlerfrei

10. Mai 2019 - Gewissenhafter Ingenieur trifft agilen Entwickler! Auf der re:publica 2019 in Berlin, der größten Konferenz zu den Themen Internet und digitale Gesellschaft in Europa, beschäftigten sich drei Kollegen aus dem Projekt "Automatisierter Fahrservices für San Jose" von Daimler und Bosch mit der Frage, wie etablierte Sicherheitsprozesse und agiles Projektmanagement einen gemeinsamen Nenner finden können.

"Move fast and break stuff" – der berühmte Satz von Facebook-Gründer Marc Zuckerberg gilt insbesondere für Jünger des Silicon Valley, Softwareentwickler und digitale Unternehmer als das zentrale Credo ihrer Arbeit. Schnell muss es sein, unfertig darf es sein. Das Ziel? Komplexitäten abbauen, Flexibilität gewährleisten, alles digital und agil. Was für viele Start-ups und junge Unternehmen der einzige Weg ist, um kosteneffizient zu wachsen, ist für traditionelle Autobauer ein hoch anspruchsvoller Spagat.

Wie dieser Spagat in Zukunft gelingen soll, diskutierten auf der re:publica 2019 drei Köpfe aus dem Projekt "Automatisierter Fahrservices für San Jose" von Daimler und Bosch: Sören Halskov-Nissen (Head of Product für Autonomes Fahren bei Daimler Mobility Services), Yannic Heiling (Agile Coach der Daimler AG) und Claus Christmann (Agile Coach der Robert Bosch GmbH).

"Natürlich hätten wir unsere Produkte lieber heute als morgen auf der Straße, doch wir haben eine große Verantwortung gegenüber unseren Kunden und auch gegenüber unseren Produkten", erklärt Christmann gleich zu Beginn. Kurz: Schnelle Prozesse ja, aber nicht um jeden Preis. Gerade Unternehmen wie Daimler und Bosch, seit über 100 Jahren berühmt für ihre hohen Qualitäts- und Sicherheitsstandards, können die Arbeitsprozesse der Generation Start-up nicht eins zu eins übernehmen.

Während eine App durch simple Updates verbessert werden kann und eine Störung für den Nutzer keine nachhaltigen Folgen hat, besteht bei Automobilherstellern in vielen Fällen ein zentraler Sicherheitsaspekt. Im schlimmsten Fall hätte eine Fahrzeugstörung dramatische Folgen.

Ingenieure und Programmierer treffen aufeinander

Wie nervenaufreibend so mancher Prozess jedoch sein kann, weiß Halskov-Nissen nur zu gut. Er selbst kommt ursprünglich aus der Start-up-Szene: "Ich bewundere unsere Autos, diese unglaubliche Präzision, diese Qualität. Alleine die Spaltmaße unserer Türen faszinieren mich immer wieder. Aber auch Unternehmen wie Daimler müssen sich weiterentwickeln. Gibt es vielleicht auch andere Wege, um Erkenntnisse zu gewinnen? Wo können wir unsere Kunden in diese Prozesse direkt integrieren? Wo haben wir tatsächlich Spielraum?"

Die Diskussion auf der Bühne ist die Diskussion im Büro – die drei Kollegen haben schließlich ein gemeinsames Ziel: San Jose soll im Laufe der zweiten Jahreshälfte 2019 Pilotstadt für die Erprobung eines App-basierten, vollautomatisierten und fahrerlosen (SAE Level 4/5) Mitfahrservices (Ride-Hailing) von Daimler und Bosch werden. "Hier prallen im Grunde zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite das klassische Gespann aus Autobauer plus Zulieferer und auf der anderen Seite der progressive Silicon-Valley-Coder. Gleichzeitig stecken darin auch starke Synergien", betont Heiling.

So gäbe es eine Vielzahl von Dingen, die man von Software-Entwicklern lernen könne und nicht umsonst sei das Projekt stark auf agiles Projektmanagement ausgelegt. Doch der beständige Erfolg von Unternehmen wie Daimler und Bosch sei nicht zuletzt auf ausgeklügelte Test- und Entwicklungsverfahren zurückzuführen.

Premiumhersteller mit besonderen Herausforderungen

Dass aber gerade diese Verfahren viele Reibungspunkte bieten, offenbarte sich auch im Verlauf der Diskussion: "Es ist nicht immer einfach, wenn man bei gefühlt jedem Schritt einen Sicherheitsprozess durchlaufen muss", so Halksov-Nissen. Ein nachvollziehbarer Punkt. Nur wie wichtig sind schnelle und simple Prozesse bei solch einem sensiblen Projekt wirklich? Schließlich geht es in der Entwicklung von autonomem Fahren letztlich um Menschenleben.

"Wer wäre gerne ein Beta-Tester eines autonomen Fahrzeugs", fragt Christmann in den Raum und bekommt überraschend viele Handzeichen. Also doch keine mehrfachen Kontrollschleifen? Keine intensiven Tests und Sicherheitsprozesse? Doch, denn auch das Publikum stellt die Bedingung, dass alle sicherheitsrelevanten Aspekte bereits geprüft seien.

"Deshalb brauchen wir einen MVP (Minimum Viable Product = Minimal überlebensfähiges Produkt). Wir dürfen die Dinge nicht zerdenken", wirft Halksov-Nissen in den Raum und erntet die Zustimmung seiner Kollegen – allerdings nicht ohne Einschränkung: "Trotzdem ist Sicherheit die oberste Maxime, gerade mit Blick auf den riesigen Erfahrungsschatz, den Daimler auf diesem Gebiet hat", fügt Heiling an.

Dieses Für und Wider ist symbolisch für die Transformation, die aktuell in vielen Unternehmen vonstattengeht. Altbewährtes und moderne Ansätze verknüpfen, das Beste aus beiden Welten zusammenbringen. Zusätzlich besteht bei Daimler und Bosch die Herausforderung, dass ein Premiumhersteller eine ganz andere Erwartungshaltung weckt: "Menschen haben hohe Ansprüche an unsere Produkte. Der Raum für Fehler ist bei uns noch einmal um einiges geringer", weiß Christmann.

Und dann macht es 'klick'!

Doch wie sieht die Arbeit an solch einem Projekt nun aus? Die Antwort liefern die drei Kollegen im Kanon: Kurze Zyklen für schnelles Feedback, um schnelle Anpassungen zu gewährleisten, selbstorganisierte Teams mit Mitgliedern aus allen relevanten Arbeitsbereichen, Kultur- und Prozessentwicklung im Team – das Motto: "Move fast and don't break things".

Halskov-Nissen ist von diesem Ansatz überzeugt: "Die Menschen müssen mit einbezogen werden, erst dann macht es 'klick'. Deshalb gehört es meiner Meinung nach auch zu meinem Job, die Kollegen immer wieder herauszufordern. Gleichzeitig können wir auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, der bei der Konkurrenz kaum zu finden ist."

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